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PRESSE - BRüCKE SH üBERREGIONAL
Pressespiegel - Warten auf Perspektive
Eppendorfer, 12/2014 & 01/2015, Seite 9, Anke Hinrichs

Wo steht das NWpG? Fragen an Mitinitiator Wolfgang Faulbaum-Decke


EPPENDORFER: Herr Faulbaum-Decke, das Netzwerk psychische Gesundheit (NWpG)
ist den Kinderschuhen entwachsen und wird nächstes Jahr fünf - sind Sie zufrieden mit dem derzeitigen Entwicklungsstand?
FAULBAUM-DECKE: Grundsätzlich ja, allerdings gilt es zu bedenken, von wo aus wir gestartet sind. Der Ausgangspunkt war suboptimal. Wir hatten am Anfang eine falsche Einschätzung, was die Aquise-Bemühungen der Kassen angeht. Konkret gesagt gab es weniger Teilnehmer als ursprünglich kalkuliert, weshalb wir das Ganze etwas herunterschrauben mussten. Aber bundesweit sind inzwischen mehr als 10.000 Menschen in dieses Versorgungsmodell eingeschrieben, und die Zahl der Vertragspartner ist auf ca. 35 verschiedene Kassen angewachsen. Die Ergebnisse sind einer Stichproben-Befragung der Techniker Krankenkasse (IK) zufolge ausgesprochen positiv: 62 Prozent der Befragten gaben an, sie könnten nun besser mit der Krankheit umgehen. Fast ein Drittel hat das NetzWerk anstatt eines Krankenhauses genutzt. Und fast ein Viertel nimmt weniger Psychopharmaka. Das ist ein großartiger Erfolg. Die TK selbst spricht von einem äußerst erfolgreichen Modell.
EPPENDORFER: Welche Abstriche mussten Sie machen, wo hakt es?
FAULBAUM-DECKE: Die so genannte Bonus-Malus-Regelung (das Haften der Anbieter für die Überschreitung der festen Pro-Kopf-Pauschale, etwa im Fall von nötigen Krankenhausbehandlungen) ist sehr schwierig. Dies wurde aber bei der ersten Überprüfung nach drei Jahren erstmalig korrigiert. Die Nutzung der Krisenräume haben wir anfangs überschätzt. Die meisten Menschen bleiben auch in der Krise lieber zu Hause, das ist ein bundesweiter Trend. Die Zusammenarbeit mit Kliniken ist nach wie vor nicht ganz einfach. Ein gutes Beispiel ist hier hingegen der Kreis Steinburg.
EPPENDORFER: Wo steht das NWpG inzwischen im Verhältnis zu anderen vergleichbaren IV-Anbietern?
FAULBAUM-DECKE: Im Psychiatriebereich gibt es inzwischen ca. 30 verschiedene IV Verträge. Viele davon sind an �"rztenetze gekoppelt. Das NWpG liegt von der Zahl der eingeschriebenen Teilnehmer betrachtet vorn. Die unterschiedlichen Verträge spiegeln auch regionale Versorgungsunterschiede. So setzt der größte Anbieter integrierter Versorgungsleistungen in Niedersachsen, die IVPNetworks GmbH (s. Bericht links), besonders auf psychiatrische Krankenpflege, die dort weit verbreitet ist - die es in Schleswig-Holstein aber so leider gar nicht gibt. Wir setzen dagegen mehr auf hierzulande - wenn auch noch zu wenig - verbreitete Soziotherapie und auf Koordination und Netzwerkarbeit.
EPPENDORFER: Das Ganze läuft ja noch auf Modellbasis. Hat das NWpG eine dauerhafte Zukunft - auch vor dem Hintergrund der neuen, integrierten Modellvorhaben, die jetzt nach Paragraph 64 b des SGB V von Krankenhausseite gestartet werden (können)?
FAULBAUM-DECKE: Wir gehen 2015 in neue Vergütungsverhandlungen, und ich bin sicher, dass es dabei gelingt, weitere notwendige Bedürfnisse zu berücksichtigen. Vor allem geht es darum, dass die Kassen mehr für die hochwertigen Leistungen der IV-Behandlung zahlen müssen, damit im Einzelfall auch sehr intensive Krisenbegleitung zu Hause möglich ist. Hier geraten wir derzeit an unsere Grenzen. Aber es gibt schon positive Signale - die Kassen scheinen sich dem Gedanken gegenüber nicht zu verschließen. Aus dem Paragraphen 64 b resultiert sich rasant entwickelnde Landschaft. Für die Zukunft gilt es, die Systeme zusammenzuführen. Wir wären für Kliniken eine gute Ergänzung, denn wir wissen, was es heißt, im Lebensumfeld der Patienten zu agieren. Es gibt Krankenhäuser, die eine Kooperation mit uns daher zu schätzen wissen - und andere, die das selbst aufbauen wollen. Wir fordern aber auch eine vergleichbare Perspektive dergestalt, dass unser Modell bei nachgewiesenem Erfolg ins Regelsystem überführt wird. Wir hoffen, dass in etwa einem Jahr Ergebnisse der zwei Evaluationen zum Thema NWpG vorliegen - dann wird man weiter sehen. Eine Ausweitung ist in Schleswig-Holstein zunächst nur im geringen Umfang geplant, das scheint - ohne eine langfristige Perspektive - zu riskant. Alle beteiligten Träger haben ja schon viel investiert in der Überzeugung, dass die Behandlung der Patienten nicht grundsätzlich in der Hand von Krankenhäusern sein sollte. Unsere Investitionen müssen sich auch deutlich machen.
EPPENDORFER: Wie steht es um eine Einbindung von Psychotherapie in ihr Angebot - was ja vor dem Hintergrund der langen Wartezeiten auf einen regulären Therapieplatz eine naheliegende Forderung ist.
FAULBAUM-DECKE: Es gibt einen großen Bedarf, und die mangelnde psychotherapeutische Versorgung hält viele von einer Einschreibung ins NWpG ab. Wir haben eine enge Zusammenarbeit mit den entsprechenden Verbänden, um unseren Klienten Psychotherapie auch außerhalb regulärer Sprechzeiten anzubieten. Da die Frage psychotherapeutischer Bedarfe komplex ist, werden wir nur in Absprache mit den Kammern agieren und keinen Alleingang starten.

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