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Pressespiegel - Versorgung der Zukunft: Multiprofessionell, vernetzt, lebensweltorientiert
BPtK - Newsletter, Ausgabe 4/2013, Dezember 2013

Seit mehr als 40 Jahren sucht das deutsche Gesundheitssystem nach besseren Möglichkeiten, Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen ambulant und an ihren speziellen Bedürfnissen orientiert zu versorgen. Die BPtK und der Dachverband Gemeindepsychiatrie e.V. veranstalteten deshalb am 16. Oktober 2013 in Berlin ein Symposium, auf dem ein Konzept für die flächendeckende Sicherstellung einer multiprofessionellen, vernetzten und lebensweltorientierten Versorgung von schwer psychisch kranken Menschen vorgestellt wurde.

Komplexer Behandlungsbedarf

Ein kleiner Teil der Menschen mit einer psychischen Erkrankung leidet unter Erkrankungen, die häufiger als andere mit erheblichen Beeinträchtigungen im alltäglichen Leben und der sozialen sowie beruflichen Funktionsfähigkeit verbunden sind. Hierzu zählen z. B. Psychosen mit ausgeprägter Symptomatik, schwere Depressionen oder chronisch verlaufende bipolare Störungen. Je nachdem wo man die Grenze für eine schwere Beeinträchtigung setzt, sind dies etwa 274.000 bis 770.000 Patienten pro Jahr. Diese Menschen benötigen eine gut koordinierte, flexible, ambulante Versorgung.

Zuhören und Zuwendung statt Zwang

Wie wichtig eine beziehungs-orientierte Versorgung von Menschen in psychischen Krisen ist, betonte auch Ruth Fricke, die als Vertreterin des Bundesverbands Psychiatrie Erfahrener sprach. Zwangseinweisungen, die von den Betroffenen häufig als traumatisch erlebt würden, könnten viel häufiger vermieden werden, wenn eine umfassende ambulante Versorgung verfüg-bar wäre.

Wolfgang Faulbaum-Decke, Vorsitzender des Dachverbands Gemeindepsychiatrie, beschrieb anhand „seines Freundes Franz“, wie eine solche Versorgung aussehen sollte:

- in einem beschützenden Umfeld versorgt zu werden, wenn er umfänglichere Hilfe brauche - ohne stationären Aufenthalt,
- eine Gesamtplanung der Versorgung, die gemeinsam mit ihm gemacht werde, alle Hilfen für ihn enthalte und alle Leistungsträger selbstverständlich berücksichtige,
- während einer Krise durch aufsuchende Behandlung bei sich zu Hause stabilisiert zu werden - ohne oder nur mit kurzem Klinikaufenthalt.

Hierfür, so Faulbaum-Decke, müssten flächendeckend verlässliche Netzwerke aus Psychotherapeuten, Ärzten, psychiatrischer Krankenpflege, Soziotherapeuten und Krankenhäusern entstehen, die darüber hinaus verbindliche Kooperationen mit den lebensweltbezogenen Hilfen, z. B. der Wiedereingliederungshilfe, hätten.

Aus der Praxis lernen

Im Rahmen der Veranstaltung wurden Versorgungsansätze vorgestellt, in denen es gelungen ist, sektorale Grenzen durchlässiger zu gestalten und eine stärker ambulant und an den Bedürfnissen der Patienten orientierte Versorgung anzubieten. Diese Ansätze sind bisher jedoch nur Insellösungen. Außerdem gehört Psychotherapie nicht zu ihrem Leistungsangebot, wie es für eine leitliniengerechte Versorgung notwendig wäre.

Gemeinsame Initiative

Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der BPtK, entwickelte in seinem Vortrag ein Konzept, wie und in welchem Kontext die unterschiedlichen Akteure bereit sein könnten, flächendeckend eine integrierte Versorgung zu realisieren. Er forderte die Politik auf, eine Plattform - ähnlich dem Nationalen Krebsplan - einzurichten, auf der gemeinsam Eckpunkte multiprofessioneller Versorgungsnetze erarbeitet werden. Zu den Beteiligten sollten neben den Leistungserbringern des Gesundheitssystems auch die Anbieter lebensweltbezogener Hilfen, die unterschiedlichen Kostenträger und insbesondere die Patienten und ihre Angehörigen gehören. Ergebnis einer strukturierten Diskussion sollten Empfehlungen zu den Patientengruppen, zum Behandlungsumfang sowie zu den personellen, prozessualen und strukturellen Anforderungen an spezialisierte Versorgungsnetze sein. Diese Eckpunkte könnten als Auftrag an die gemeinsame Selbstverwaltung im SGB V verankert werden, ähnlich der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung gemäß § 116b.

Diskussion

In der Abschlussdiskussion plädierten Vertreter der Krankenkassen und der Gesundheitspolitik für eine Initiative zur Neustrukturierung der Versorgung schwer psychisch kranker Menschen. Verbindliche Mindeststandards seien erforderlich, um flächendeckend eine qualitativ hoch-wertige Versorgung zu sichern.

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