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Pressespiegel - Am besten alles aus einer Hand
Magazin des PARITÄTISCHEN Ausgabe 03/2012 - Am besten alles aus einer Hand
Menschen mit Behinderung müssen im Mittelpunkt der Hilfe stehen

Wenn alles gut läuft. dann greift eine Hilfe in die andere. Psychisch kranke Menschen sind dann seltener in akuten Krisen und haben ein soziales Netz. Bei Thomas Cordes hat es Jahre gedauert. bis für ihn alles gut lief. Als er zum ersten Mal in die Psychiatrie kam, war Thomas Cordes 18 Jahre alt. Sechs Wochen verbrachte er im Krankenhaus. Am Ende hätten ihn die Ärzte mit dem Hinweis entlassen: Nehmen Sie morgens die rote Pille und abends die blaue. "Das war alles", sagt Thomas Cordes. Und: "Das war schlecht."

Zurück zu den Eltern, wieder in die Psychiatrie, wieder nach Hause, wieder in die Psychiatrie - mehrere Jahre war er in der Drehtür zwischen Krankenhaus und Elternhaus gefangen.

Heute ist Thomas Cordes 34 Jahre alt, ein großer, kräftiger Mann, der seine lange psychiatrische Vorgeschichte sehr genau reflektiert und sich bestens im Hilfesystem auskennt. Damals, so sagt er, wusste er nicht einmal, dass es in den Kliniken soziale Dienste gibt.

Die Hilfe kam zwangsweise. Wieder Psychiatrie. Diesmal befindet das Vormundschaftsgericht, dass sich Thomas Cordes nicht alleine um seine Angelegenheiten kümmern kann und beauftragt einen gesetzlichen Betreuer. Der sorgt dafür, dass der junge Mann in eine Nachsorge-Einrichtung kommt. Er bleibt dort ein Jahr lang und erlebt zum ersten Mal, "was Lebensqualität sein kann". Er lernt Gleichaltrige kennen mit den gleichen Problemen, spürt bei sich und anderen, dass die Betreuung hilft. Er fühlt sich nicht mehr so allein.

Vorbereitung auf den Notfall
Thomas Cordes wäre vieles erspart geblieben, wenn Klinik, Nachsorge, Krisenintervention und ambulante Betreuung von Anfang an ineinander gegriffen hätten. So sieht es die Integrierte Versorgung vor. Sie könnte, so schätzt die Techniker Krankenkasse, jährlich rund eine halbe Million Krankenhausaufenthalte wegen Depressionen, Schizophrenien oder Persönlichkeitsstörungen vermeiden.

In Elmshorn koordinieren Fallmanagerinnen und -manager der Brücke Schleswig-Holstein in Krisenfällen die Hilfen der Integrierten Versorgung. Zuerst aber schließen die Menschen, die psychisch instabil sind, einen Vertrag mit ihrer jeweiligen Krankenkasse. "Sie müssen dem System aktiv beitreten", erklärt Bernd Prezewowsky, Regionalmanager der Brücke Schleswig-Holstein in den Kreisen Steinburg, Pinneberg und Herzogtum Lauenburg. Im nächsten Schritt besprechen Fallmanager und Patient, was im Krisenfall zu tun ist: "Sie bereiten den Notfall vor."

Thomas Cordes musste es ohne Integrierte Versorgung schaffen. Aus der Rehabilitationseinrichtung zieht er nach Itzehoe in eine Wohngemeinschaft für junge Menschen mit psychischen Problemen. Das sei eine stationäre Unterbringung, erklärt Cordes, bei der rund um die Uhr Betreuer erreichbar seien. Die Kosten für diese Eingliederungshilfe zahlt die Kommune und holt sie sich größtenteils vom Land Schleswig-Holstein zurück. Hätte Cordes genügend Geld, müsste er die Leistung selbst bezahlen.

In die Krise und wieder hinaus
Fünf Jahre lebt Cordes mit Gleichaltrigen, ohne ein einziges Mal im Krankenhaus zu sein. "Mir ging es sehr gut", sagt er. Der Mitzwanziger lernt kochen, waschen, putzen und alles, was er braucht, um den Alltag alleine zu bewältigen. Er beginnt eine Ausbildung zum Fahrradmechaniker und schließt mit guten Noten ab. Er findet einen Arbeitsplatz in einer Fahrradwerkstatt und zieht nach Elmshorn in eine eigene Wohnung.

Ein Jahr später stürzt Thomas Cordes ab. Der Job läuft anders als erhofft. Der Druck ist hoch, der Chef nicht mehr der, den er vom Praktikum kannte. "Es hat nicht gepasst mit der Arbeit", sagt Cordes heute. Ein Jahr hält er durch, dann gerät er in eine akute Krise. "Burnout, Halluzinationen, total am Boden", sagt er. Doch diesmal steht er nicht allein da, er hat einen Betreuer bei der Brücke Schleswig-Holstein. Der hilft ihm, seine Sachen zu packen und begleitet ihn zur Aufnahme in die Klinik.

Die beiden kennen sich, seit Thomas Cordes vor fünf Jahren nach Elmshorn gezogen ist. So fremd in der Stadt ist Cordes froh, mit jemandem reden zu können. Er reflektiert mit seinem Betreuer, was ihn im Leben bewegt. "Das ist schon fast wie Psychotherapie", sagt Cordes. Verhindern können die Gespräche den Zusammenbruch nicht. Doch als Cordes aus dem Krankenhaus und der Tagesklinik entlassen wird, ist der Betreuer wieder da.

Teilhabe - an Arbeit und Gesellschaft Seither geht es langsam bergauf. Anfangs habe er in seiner Wohnung gesessen und Däumchen gedreht, sagt Cordes: "Wenn man eine psychische Erkrankung hat, dann ist es oft so, dass man sich von den Menschen isoliert". Ohne Geld könne man kaum etwas machen. Da sei es sein Betreuer gewesen, der ihn ganz behutsam aus der Isolation herausgeführt habe. Er habe ihm das Cafe und die offenen Angebote der Brücke gezeigt und mit ihm überlegt welche Freizeitgestaltung ihm Spaß machen könnte und wo er sich wohlfühlt. Nach vielen reflektierenden Gesprächen entschließt sich Cordes, im Kirchenchor zu singen.

Thomas Cordes kennt sich aus mit den verschiedenen Töpfen, aus denen seine Hilfe bezahlt wird. Er erklärt, dass er von Grundsicherung lebt, heute als Fahrradmechaniker in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung in Glückstadt arbeitet und dafür Eingliederungshilfe für die Teilhabe am Arbeitsleben bekommt, und dass die Treffen mit seinem Betreuer als Eingliederungshilfe für die Teilhabe an der Gesellschaft gelten. Welche Ziele er verfolgt und welche Hilfen er benötigt, damit es weiter bergauf geht, haben alle Beteiligten in einer Hilfeplankonferenz beim Sozialamt besprochen. In diesem Fall war das relativ einfach. Denn: Unterm Strich zahlt alles die Kommune.

Alles aus einer Hand - ein Zukunftstraum
Kompliziert wird es, wenn Krankenkassen, Jobcenter und Sozialämter gleichzeitig zahlen. "Es kann sein, dass jemand drei Fallmanager hat", sagt Bernd Prezewowsky. Er träumt davon, dass alle Leistungen passgenau abgestimmt werden können und es nur noch einen Ansprechpartner gibt. "Das ist Zukunftsmusik", sagt er: „Im Moment ist die Skepsis groß." Bei den Kommunen sieht er eher die Tendenz, dass sie die Leistungen immer stärker kontrollieren. "Sie unterstellen uns, dass wir Dinge machen, die eigentlich nicht nötig sind", sagt Prezewowsky. Er weist das zurück: "Wir tun das, was hilft."

Auch Prezewowsky weiß, dass die Ausgaben für Eingliederungshilfen im Jahr 2010 in Schleswig-Holstein abermals um sieben Prozent gestiegen sind. Sparpotenzial sieht er allerdings eher im Kontrollapparat. Er glaube nicht, sagt er, dass ein Sachbearbeiter im Sozialamt, der nur die Leistungserbringer kontrolliere, irgendetwas zur Hilfe beitrage. Er erhöhe nur die Kosten. Notwendig sei, dass die Menschen mit Behinderung im Mittelpunkt der Hilfe stehen. Niemand wisse besser als die Betroffenen selbst, was ihnen hilft. Dieses Wissen zu nutzen und auf Augenhöhe die notwendigen Leistungen miteinander zu verhandeln seien Voraussetzungen für eine gelingende und kostengünstige - Hilfe.


Text: Gerlinde Geffers

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