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Pressespiegel
Kieler Nachrichten, 07.10.2010 - Auch in der Krise nie ohne Hilfe

Neue Versorgungsform für psychisch Erkrankte in Lübeck und Kiel

Kiel. Bei jeder fünften Erwerbsperson (berufstätig oder arbeitslos) wird im Verlaufe eines Jahres eine psychische Erkrankung festgestellt. 25 000-mal mussten gesetzlich versicherte Schleswig-Holsteiner deshalb 2009 ins Krankenhaus. Viele dieser Aufenthalte wären aber vermeidbar, wenn man ambulante Alternativen hätte. Genau die soll es jetzt in Kiel geben.

Von Heike Stüben

„Die Versorgungssituation orientiert sich nicht primär daran, was der Erkrankte individuell benötigt, sondern daran, welches Therapieangebot gerade vor Ort zur Verfügung steht", beschrieb gestern auf einer Fachtagung in Kiel Johann Brunkhorst, Leiter der Techniker Krankenkasse TK, die Situation im Land. Selbst bei akuten Problemen müssten die Patienten häufig längere Wartezeiten in Kauf nehmen. „Doch oft duldet es keinen Aufschub, die Patienten hängen in der Luft und landen in der Notaufnahme in der Psychiatrischen Klinik. Das ist für einen Teil der Patienten aber gar nicht hilfreich für den Gesundungsprozess." Die TK und die abitato (Managementgesellschaft seelische Gesundheit gGmbH) bieten deshalb seit Juni in Lübeck und nun auch in Kiel eine andere Versorgung - zunächst für TK-Versicherte - an. Dabei kann der Patient so weit wie irgend möglich zu Hause bleiben.

Die Eckpunkte des Konzepts: Diagnostiziert ein Facharzt eine psychische Erkrankung wie zum Beispiel eine Depression, kann der Betroffene freiwillig an dem Angebot teilnehmen. Dazu muss er nicht akut erkrankt sein, kann aber sofort seinen festen Ansprechpartner und das Rückzugshaus in der Projensdorfer Straße kennenlernen. Dieses Haus bietet jederzeit Betreuung, wenn man sich in akuter Krise nicht zu Hause aufhalten möchte. Aber auch wenn man in der vertrauten Umgebung bleibt, kann man jederzeit Hilfe bekommen - durch Hausbesuche oder am Telefon rund um die Uhr. „Wir garantieren, dass man jederzeit innerhalb von einer Stunde einen adäquaten Ansprechpartner bekommt", erklärte gestern Wolfgang Faulbaum-Decke, Geschäftsführer der abitato und der Brücke Schleswig-Holstein, und berichtete von positiven Rückmeldungen der 40 ersten Teilnehmer in Lübeck. „Sie sind froh, dass es eine Versorgungsform gibt, bei der alle Beteiligten, von Angehörigen und Freunden bis zu Fachärzten und Kliniken, einbezogen werden und es jederzeit feste Ansprechpartner gibt. Das nimmt viel Angst vor Krisen." Faulbaum-Decke führt deshalb Gespräche mit weiteren Krankenkassen, damit auch deren Versicherte das Angebot nutzen können.

Nach den Angeboten für den Raum Lübeck und Kiel ist im nächsten Jahr eine Ausdehnung auf den Kreis Plön und Neumünster sowie 2012 auf den Kreis Pinneberg geplant. Im ganzen Land wird es diese Art der vernetzten Versorgung aber nicht geben. Denn in fünf Kreisen - darunter auch Rends¬burg/Eckernförde und Steinburg - wird bereits eine andere Alternative praktiziert: Dort erhalten Fachkliniken ein Regionales Psychiatrie-Budget. Das bedeutet: Die Klinik bietet in einer bestimmten Region für alle psychiatrischen Patienten eine zentral gesteuerte Behandlung an, die je nach Bedürfnis des Patienten zu Hause, in der Arztpraxis, in der Klinik oder in einer Tageseinrichtung abläuft. Das Modell wurde am Klinikum Itzehoe entwickelt und bisher von 10000 Menschen genutzt, erklärte gestern Prof. Arno Deister vom dortigen Zentrum für Psychosoziale Medizin. Eine wissenschaftliche Begleitstudie der Universität Leipzig habe inzwischen bescheinigt, dass diese Form sinnvoller sei als nur das frühere Klinikangebot: „Die medizinische Versorgung hat die gleiche Qualität behalten, aber die soziale Integration der Patienten ist höher als früher."

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