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Pressespiegel
Eppendorfer 09/2010 - Schizophrenie: AOK probt Neues

In Niedersachsen sollen neue Wege bei der Betreuung von Schizophrenie-Erkrankten beschriften werden. Am 1. Oktober will die AOK Niedersachsen in mehreren Modellregionen des Landes ein neues Versorgungssystem für Schizophrenie-Kranke einführen.

CELLE. Allein unter den AOK-Versicherten dürften niedersachsenweit rund 13.000 Menschen von Schizophrenie betroffen sein, schätzt die größte deutsche Krankenkasse. Denen will sie nun mit der "Integrierten Versorgung Schizophrenie" ein möglichst normales Leben im gewohnten Umfeld ermöglichen, kündigte AOK-Vertreterin Mären Kortum das Pilotprojekt an. Die angestrebte Vernetzung von Krankenhaus, Rehabilitation, Fachärzten und Pflege soll dazu einen wichtigen Beitrag leisten.

„Das Home-Treatment, die Versorgung daheim, kann die vollstationäre Behandlung ersetzen", umriss Wolfram Beins, Leiter der Psychosozialen Beratungsstelle Celle und Vorsitzender des Ständigen Ausschusses im Landesfachbeirat Psychiatrie, Sinn und Zweck des neuen Netzwerkes, über das auf der Bundestagung für Ambulante Psychiatrische Pflege in Celle informiert wurde. „Wir haben die Chance, die Grenzen zwischen ambulant und stationär zu überwinden!"

Als „Keimzelle" der neuen Initiative gilt die integrierte psychiatrische Versorgung in Hemmoor bei Stade, wo ein regionales Versorgungssystem bereits seit gut fünf Jahren arbeitet. Nach öffentlicher Ausschreibung hatte die AOK im Juli einen Vertrag zur Integrierten Versorgung von Schizophrenie-Erkrankten mit dem Institut für Innovation und Integration im Gesundheitswesen (I3G) geschlossen - einem
Tochterunternehmen des Pharmakonzerns Janssen-Cilag (was dem Modell wegen befürchteter Einflussnahme des Arzneimittelherstellers auch bei der Vorstellung in Celle Kritik einbrachte). Als Managementgesellschaft soll die - laut Ankündigung völlig von ihrer Konzernmutter unabhängige - I3G GmbH Budgetverantwortung übernehmen, die Versorgung organisieren und die Qualität der Behandlung kontrollieren.

Mit der praktischen Umsetzung in den zunächst drei ausgewählten Startregionen wurde wiederum die Care4S GmbH (Care for Schizophrenia) beauftragt. Sie wird von Dr. Norbert Paas und dem Hemmoorer Psychiater Dr. Matthias Walle geleitet. Das Unternehmen soll jetzt zügig ein flächendeckendes Netzwerk von Fachärzten und Fachpflegern aufbauen. Die Teams können Hausärzte, Physiotherapeuten,
kommunale Einrichtungen und auch Krankenhäuser einbinden. Care4S unterstütze die Behandlungsteams, ohne sie jedoch in ihrer Therapiefreiheit einzuschränken, betonen die Projekt-Akteure. Eine Schwesterfirma, IVPNetworks, sei bereits mit anderen Krankenkassen in Verhandlungen, um auch mit denen ähnliche Vorhaben umzusetzen.

Ziel aller Partner sei es, die Versorgung des einzelnen Patienten so zu verbessern, dass die ärztliche Therapie insgesamt effektiver und effizienter werde, warben die Vertreter der beteiligten Partner bei der Vorstellung in Celle. Rückfälle sollen vermieden, Krisen wenn möglich ambulant bewältigt und stationäre Aufenthalte reduziert und verkürzt werden. Außerdem sollen Patienten und Umfeld zur besseren
Krankheitsbewältigung befähigt, berufliche Rehabilitation und soziale Integration gefördert und die Teilhabe am täglichen Leben ermöglicht werden. Um diese ambitionierten Ziele zu erreichen, soll im Rahmen des AOK Projektes ein Netzwerk medizinischer und psychosozialer Betreuung geknüpft werden, das bei Bedarf rund um die Uhr erreichbar ist. Die medizinische Verantwortung liege in jedem Fall
weiter beim Facharzt, wird betont; der Patient werde weiter Zugang zu allen notwendigen Behandlungen haben. „Was hier in Niedersachsen passiert, wird Einfluss haben auf ganz Deutschland", machte Psychiater Dr. Walle in Celle deutlich. Die Budgetierung des bisherigen Systems habe eine Krisenbehandlung bislang oft unmöglich gemacht: „Für einen schizophrenen Patienten brauchen Sie bislang 30 bis 40 andere, die keine Medikamente benötigen. Das einzige, was nicht budgetiert ist, ist der Rettungswagen - und der wird dann auch oft gerufen, um den Patienten ins Krankenhaus zu verfrachten",
benannte Walle vor rund 80 Zuhörern seine Erfahrungen mit der bisherigen Struktur des Gesundheitswesens. „Und dort gibt es keinen Anreiz für eine begrenzte Aufenthaltsdauer."

Folglich sei die ambulante Schizophrenie-Behandlung in vielen ländlichen Regionen weggebrochen. Das soll nun geändert werden: Nach dem Start der „Integrierten Versorgung Schizophrenie" am l. Oktober - zunächst in drei Regionen Niedersachsens - soll das Versorgungsgebiet ein halbes Jahr später auf angrenzende Regionen ausgeweitet und bis zum l. Oktober 2011 im ganzen Bundesland umgesetzt
werden. „In Hemmoor - der Blaupause für das jetzt niedersachsenweite Projekt - haben wir in den letzten Jahren keinen Rettungswagen mehr gebraucht."

Der Erfolg der Integrierten Versorgung soll anhand objektiver Qualitätsindikatoren (etwa der Krankheitsschwere oder der Häufigkeit von Rückfällen) beurteilt werden. Einen wesentlichen Beitrag zur Qualitätssicherung soll zudem ein interdisziplinär besetzter Expertenbeirat der Versorgungsinitiative leisten. Professor Dr. Wulf Rössler von der Leuphana-Universität Lüneburg soll die Behandlungspfade wissenschaftlich begleiten und fortentwickeln. „Wir werden nur Erfolg haben, wenn wir Qualität bringen", weiß Dr. Walle. „Und wir wissen, dass wir unter Beobachtung stehen - es dürfte in ganz Deutschland kein stärker beobachtetes Psychiatrieprojekt geben."

"Diese Projekt wird auf Jahre keinen Gewinn abwerfen", grenzte I3G-Geschäftsführer Dr. Klaus Suwelack das Projekt von rein wirtschaftlichen Motiven ab. Es gehe vor allem um eine deutliche Qualitätsverbesserung bei gleichbleibendem Kostenniveau durch Klinikvermeidung, betonte auch Beins. Die erfolgreiche Umsetzung des neuen Versorgungssystems berge Chancen für alle Beteiligten. Therapieziele könnten individuell geplant werden, die Patienten frei unter den am neuen Versorgungssystem teilnehmenden Ärzten wählen. Sie können die „Integrierte Versorgung Schizophrenie" aber auch jederzeit wieder verlassen, um zur parallel weiterbestehenden Regelversorgung zurückzukehren.

Ärzte und psychiatrische Pflegekräfte wiederum erhielten durch das neue Versorgungssystem die Chance, die Zukunft ihrer eigenen Praxen zu sichern, preisen die Akteure ihr Modell. Doch das wird im finanziell klammen Gesundheitswesen zu Lasten anderer gehen: „Sie gefährden unser Geschäftsmodell", sprach sich Dr. Rainer Brase, Geschäftsführer des Klinikums Wahrendorff, aus dem Publikum gegen die Bevorzugung der ambulanten vor der stationären Behandlung aus. Brases Haus, eine der großen privaten Psychiatrie-Einrichtungen in Europa, plant derzeit gemeinsam mit dem Allgemeinen
Krankenhaus in Celle den Aufbau von zwei Stationen zur stationären Aufnahme psychisch Kranker. Und er sprach das gesundheitspolitische Grundproblem an - die Finanzen: „Es ist keine Lösung, wenn Sie zwei Drittel besser stellen, indem Sie einem Drittel die Mittel wegnehmen und an die anderen verteilen."

Klaus Frieling

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