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Pressespiegel
Eppendorfer 10/2009, "Die Zukunft hat schon begonnen"
"Psychiatriereform 2. Akt!": Gemeindepsychiatrie stellt Referenzentwurf zur Integrierten Versorgung vor.

Der Dachverband Gemeindepsychiatrie e.V. und die Techniker Krankenkasse haben einen Referenzvertrag zur Integrierten Versorgung erarbeitet, gemeindepsychiatrische Träger in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Bremen und Hamburg stehen kurz vor der Umsetzung. Was sich dahinter verbirgt, stellt im folgenden Thomas Pirsig, Referent des Dachverbandes Gemeindepsychiatrie, in einer Reaktion auf das "Eppendorfer"-lnterview mit Prof. Heinz Lohmann in der Ausgabe 8/2009 (S.6) vor.

In der Gemeindepsychiatrie ist viel Positives passiert in den letzten Jahren. Die Angebote für psychisch kranke Menschen haben sich in den Bereichen der "Teilhabe" in vieler Hinsicht erweitert und verbessert. So sind überall in Deutschland Wohn-, Arbeits- und Beratungsangebote entstanden, meist aufgebaut von gemeindepsychiatrischen Trägervereinen. In vielen Regionen sind Netzwerke entstanden, meist als Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft. Einige davon haben sieh unter qualitativen Aspekten zu gemeindepsychiatrischen Verbünden zusammengeschlossen.

Was fehlt, ist die vertragliche Bindung der Akteure im Bereich der ambulanten medizinischen Versorgung, die eine individuelle, inklusions-ausgerichtete Versorgung des Einzelnen auf einer Augenhöhe mit den Partnern Krankenkasse und Anbieter vor Ort möglich macht. Dazu wurde nun nach eineinhalb Jahren Vertragsverhandlung mit Unterstützung von Bremer, Kieler und Berliner Kollegen zwischen dem Vorsitzenden des Dachverbandes Gemeindepsychiatrie, Wolfgang Faulbaum-Decke, und der Techniker Krankenkasse (Ansprechpartner: Dr. med. Thomas Ruprecht) ein Referenzvertrag erarbeitet, der diese Entwicklung endlich möglich macht. Mit dem integrierten Versorgungsvertrag "NetzWerk psychische Gesundheit" der TK wird damit eine neue Aera eingeleitet, die der verbindlichen regionalen Versorgung psychisch erkrankter Menschen mit dem wichtigen Bestandteil von schnellem, adäquatem Krisenmanagement dient.

Daher machte der Artikel im Eppendorfer mit dem Interview Prof. Dr. Lohmanns beim Vorstand und den Mitarbeitern des Dachverbandes schnell die Runde. Genau diese Sicht der Dinge hat den Dachverband bewogen, vor circa zwei Jahren Verhandlungen mit der Techniker Krankenkasse aufzunehmen.

Und was hat die Techniker Krankenkasse bewogen, den Vertrag mit dem Dachverband Gemeindepsychiatrie e.V. zu schließen? Gemessen an den stetig steigenden Kosten vor allem der stationären Versorgung von TK-Versicherten mit psychischen Erkrankungen ist das derzeitige System nicht effizient. Zu viele Menschen werden zu häufig und zum Teil auch zu lange stationär behandelt, finden ambulant keine adäquaten Versorgungsangebote und landen wieder in der Klinik. Zudem steigt die Zahl der Menschen mit psychischen Erkrankungen erheblich.

Die Gemeindepsychiatrie hat in den letzten 30 Jahren bewiesen, zu welchen Leistungen sie fähig ist. Die meisten Vereine haben unter den schwierigsten Bedingungen angefangen, ambulant komplementäre Dienste aufzubauen. Sie haben sich im Laufe der Jahre zu kompetenten regionalen Anbietern entwickelt, sich inhaltlich und wirtschaftlich weiterentwickelt und in den meisten Fällen ihre ethisch begründete integrative Ausrichtung bewahrt. Der Aufbau war geprägt von Struktur- und Personalentwicklung, Qualitätsmanagement, Netzwerkarbeit und Aufklärungs- und -ffentlichkeitsarbeit. Oft sind gesunde mittelständische Betriebe entstanden mit 100 und mehr Mitarbeitern. Dadurch haben sich die Angebote für psychisch kranke Menschen schon erheblich verbessert. Was ändert sich für die Menschen, wenn der neue Referenzvertrag umgesetzt wird? Das "NetzWerk psychische Gesundheit" bietet neue und umfangreiche Möglichkeiten für eine individuelle ambulante Unterstützung und Sicherheit bei gleichzeitiger inklusiver Ausrichtung. Es ergänzt die ambulante Regelversorgung beim niedergelassenen Arzt oder Psychotherapeuten und dient seiner Entlastung, vor allem außerhalb der üblichen Praxisöffnungszeiten und bei akuten Krisenfällen. Zu den Zielen zählen: die Behandlung im eigenen sozialen Umfeld. ("home treatment"), das schnelle und effiziente Krisenmanagement, die Vermeidung von stationären Aufenthalten und somit das Vorbeugen gegen Chronifizierung. Dass dies erfahrenen Akteuren aus der Gemeindepsychiatrie gelingen kann, wenn sie die Menschen im Rahmen von verbindlichen Versorgungsverträgen entsprechend zugeführt bekommen, ist zu erwarten. Gerade für Menschen, die bisher "erst in der Sozialhilfe landen mussten" bis sie Hilfsangebote bekamen, ist diese Entwicklung eine große Chance. Frühe Hilfen mit qualifiziertem Personal können in vielen Fällen chronifizierende Verläufe stoppen. Das "NetzWerk psychische Gesundheit" koordiniert ambulante Hilfen.

Zentrale Anlaufstelle für die eingeschriebenen Versicherten ist die Koordinierungsstelle des IV-Netzwerkes. Hier bekommen sie - ähnlich einem Bezugstherapeutensystem - einen "Coach", der sich um ihre Belange kümmert. Leitgedanke ist dabei der möglichst weitgehende Verbleib im sozialen Umfeld. Angebote aus "Sonderwelten" können einbezogen werden, müssen aber regelmäßig auf ihre Notwendigkeit überprüft werden.

Die Koordinierungsstelle ist 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr mit qualifiziertem Personal besetzt, das in Krisensituationen adäquate Lösungen anbietet. Reicht der Schutzraum in den eigenen vier Wänden nicht aus, gibt es Rückzugsräume. Zur Erarbeitung von individuellen Zielen stehen Soziotherapeuten, das Team der häuslichen psychiatrischen Pflege und bei Bedarf Ergotherapeuten zur Verfügung. Auch eine Behandlung zuhause ist möglich. Bei der Personalentwicklung ist unbedingt darauf zu achten, Psychiatrieerfahrene mit einzubinden. Hier der Verweis auf Psychiatrieerfahrene, die die Ausbildungen im Rahmen der EX-IN-Bewegung durchlaufen haben.

Die Grundvoraussetzungen für eine integrative, ambulante, psychiatrische Versorgung sind geschaffen. Die Zukunft hat also begonnen. Fangen wir an, sie umzusetzen.

Text: Thomas Pirsig

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